Hartmut Regitz:


Malakhov & Friends im Berliner Admiralspalast

Wenn die Zuschauer die Wahl hätten, ihren Ballettintendanten selbst zu benennen, wäre ganz sicher nicht der Name von Sasha Waltz gefallen, die sich in drei Jahren die Leitung des Staatsballetts Berlin mit dem schwedischen Ballettdirektor Johannes Öhman teilen soll. Eher ein anderer. „Liebes Publikum, hol ihn dir zurück“ titelte eine Kritikerin ihre Besprechung einer aktuellen Neuauflage von „Malakhov & Friends“, und eine Kollegin meinte, dass ein Abschied nicht unbedingt das Ende einer Beziehung bedeuten muss. „Manche Liebesgeschichten gehen einfach weiter“ und erinnerte daran, dass das letzte Programm vor zwei Jahren zwar „The Final“ hieß, Vladimir Malakhov aber nicht daran hinderte, auf eigenes Risiko erneut eine Gala auf die Beine zu stellen, die den Vergleich mit früheren Veranstaltungen durchaus standhalten wusste.

Bedauerlich nur, dass das doppelte Ereignis nicht wie früher in einem der drei Opernhäuser Berlins stattfinden konnte, sondern im Admiralspalast, der zwar eine ganz spezielle Atmosphäre besitzt, nicht aber eine Bühne, die sich dafür eignet. Viel zu klein für große Sprünge und viel zu hoch für Zuschauer, die sich für die Spitzenarbeit von Ballerinen interessieren, ließ er manche Kunstfertigkeit eher ahnen, als dass man sie wirklich sehen konnte – was die Stimmung im ausverkauften Haus keinesfalls beeinträchtigte. Das Publikum kam, um sich an dem lang Entbehrten zu begeistern, und Vladimir Malakhov inszenierte seine Show wie einen Countdown, an dessen Ende natürlich sein einziger Auftritt stand – gemeinsam mit seiner langjährigen Partnerin Diana Vishneva.

Immerhin hatte sein alter Arbeitgeber einen Tanzboden ausgeliehen, und auf dem platzierten sich als erste Mika Yoshioka und Galiotto Mattia vom Béjart Ballet Lausanne mit den «Cinq préludes pour violoncelle», die nicht unbedingt zu den bleibenden Balletten von Maurice Béjart gehören. Ursprünglich choreografiert für Shonach Mirk und Philippe Olzà, wirkt das Werk wie eine Bach-Etüde, die aber gerade deshalb viel Fingerspitzengefühl verlangt. Das blieb denn auch Mika Yoshioka dem Stück nicht schuldig und „verkörperte“ das Cello so ergeben, wie wir es auch aus Nacho Duatos „Multiplicity. Forms of Silence and Emptiness“ her kennen.

Gewichtiger war da schon im Anschluss ein All-Men-Duo wie das von László Velekei, in dem neben László Major von der Györ Dance Group vor allem Daichi Uematsu seine körperlichen Möglichkeit voll ausstellen kann – was er nach der Pause auch allein tut, in „Inner“, einer Paradenummer von Velekei. In Japan scheint Malakhov überhaupt über viele Freunde zu verfügen. Neben Mika Yoshioks und Daichi Uematsu findet sich wie schon in früheren Gelegenheiten Mizuka Ueno gleich doppelt programmiert: erst mit einem Auftritt als „Carmen“ in der Version von Alberto Alonso und dann augenzwinkernd in „Cheek to Cheek“ von Roland Petit an der Seite von Luigi Bonino: zwei Gala-Kreationen, aus denen die Erste Solistin des Tokyo Ballet an Ausdrucksmöglichkeiten herausholt, was es herauszuholen gibt. Als „Special Guest“ angekündigt, präsentierte sich die Malakhov-Vertraute Emi Hariyama in einer eigenen Choreografie: in einer „Dream“ genannten Massenet-Interpretation, in das ehemalige Mitglied des Staatsballetts „Kitsch und Camp zu verbinden“ wusste und „auf ihre dramatischen Gebärden“ zurechtschnitt. So jedenfalls Manuel Brug, der einflussreiche Kritiker der Zeitung „Die Welt“.

Auch Rainer Krenstetter gehörte während der Ägide Vladimir Malakhovs zum Staatsballett Berlin. Inzwischen tanzt er beim Miami City Ballet, und von dort brachte er nicht nur seine technisch versierte Partnerin Tricia Albertson mit, sondern mit dem „Midsummer Night’s Dream“ und die „Tarantella“ von George Balanchine zwei Kostproben aus der Neuen Welt, die gut zu denen aus der Alten passten. Während Julia Stepanova und der sprungschnelle Denis Rodkin vom Moskauer Bolschoi mit Beispielen aus „Le Corsaire“ und „Macbeth“ von Vladimir Vasiliev zu Applausstürmen hinrissen, punkteten die beiden Kollegen vom Mariinsky mit einer „Raymonda“-Reminiszenz à la Petipa und vor allem mit „Keep Calm“, einem mit den Genderregeln spielenden Pas de deux von Vladimir Varnava. Victoria Brileva und Fedor Murashov sahen jedenfalls zum Verlieben aus mit ihren Schnurrbärtchen und Karoröckchen.

Schwer, das alles noch zu toppen. Doch Lucia Lacarra und Marlon Dino (bisher Bayerisches Staatsballett, jetzt Ballett Dortmund) gelang das Kunststück mit dem „Spiral Twist“ von Russell Maliphant wie mit „Light Rain“ von Gerald Arpina auf unvergleichlich schöne, biegsame Weise, und Vladimir Malakhov und Diana Vishneva setzten am Ende mit „The Old Man and Me“ von Hans van Manen ihren Erfolg etwas ganz Eigenes drauf: eben eine Reife, die über das bloß Technische erhaben ist und einer scheinbaren Nichtigkeit eine menschliche Größe abgewinnt. Beide kommen uns komisch zur Musik von Igor Strawinsky. Aber sobald Mozart erklingt, wirken beide wie verjüngt, um im selben Atemzug doch das Unwiederbringliche spürbar zu machen – und Schritt um Schritt bringt das Leben die beiden am Ende zum Verschwinden. Was nicht heißt, dass die beiden nicht mehr wiederkehren. Das nächste Rendezvous von „Malakhov & Friends“ kommt bestimmt.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Hartmut Regitz